Klaus Kilian: If the blues was whiskey... Blues & Whiskey gehören zusammen


If the blues was whiskey ...

... I’d stay drunk all the time. Wäre der Blues Whiskey, würde ich immer besoffen bleiben. Eine schöne Metapher, die auf den Autor dieser Zeilen in gewisser Weise zutrifft, da meine intensive Beschäftigung mit diesem Genre – sowohl theoretisch als auch praktisch – inzwischen über 40 Jahre währt.

Inspiriert durch den Pfingstbergblues-Whisky, nun also eine kleine Abhandlung über die Rolle dieses geistreichen Getränks im Blues, das gleichzeitig Segen und Fluch, Muse und Zerstörer, Erlösung und Niedergang war, ist und wohl immer bleiben wird. (Kleine Begriffsklärung: Auch wenn der Pfingstbergblues-Whisky schottischen Ursprungs ist, geht es hier logischerweise um amerikanischen Whiskey.)

 

Blues und Whiskey – die gehören doch zusammen wie Blues und Weiber, Blues und Sex – oder wie Blues und Liebeskummer? Ja, aber ... Blues steht für so viele Dinge, dass eine Verallgemeinerung letztendlich im Klischee endet. Tatsache ist, dass der Whiskey häufig in Bluestexten vorkommt, dass die meisten Blueskünstler wohl gerne mal einen Schluck davon genommen haben und dass das Getränk für viele von ihnen zum Problem geworden ist. Wie viele Blueser sind am Alkoholmissbrauch frühzeitig verstorben? Oder an Folgekrankheiten? Andererseits war die Flucht in Alkohol und Drogen auch ein Resultat der oftmals desolaten Lebensumstände schwarzer Bluesmusiker in den USA. Genauso wie die Musik selbst eine kurzzeitige Flucht aus der dunklen Realität sein konnte – oder für einige Auserwählte das Sprungbrett in eine besseres Leben.

Schaut bzw. hört man sich das an, was die Bluessängerinnen und -sänger (wobei die weiblichen Interpretinnen das Thema deutlich weniger häufig aufgegriffen haben als die Bluesmänner) in ihren Texten über Whiskey sangen, so hört man

1. das Verlangen nach diesem Getränk (am besten in der hochwertigen, aber aus Kosten- und rechtlichen Gründen [Prohibition] oftmals in der selbstgebrannten Variante),

2. den Whiskey-Konsum selbst und das Genießen des entsprechenden Rauschzustandes und

3. die negativen Auswirkungen des exzessiven Konsums und damit verbunden der Wunsch oder das Versprechen, von der Whiskey-Abhängigkeit loszukommen. Es folgen eine Reihe von Beispielen, die natürlich eine subjektive Auswahl der Favoriten des Autors sind und keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Eine der schönsten Whiskey-Metaphern im Blues stammt aus dem mit weiteren legendären, immer wieder verwendeten Blues-Strophen gespickten „Diving Duck Blues“ (https://www.youtube.com/watch?v=mJK0MRF3Ghk), in dem Sleepy John Estes 1929 sang: „Now if the river was whiskey and I was a divin’ duck, I would dive on the bottom, never would come up.“

Merke: Blueser singen nicht über das Baden in Champagner.

 

Ein Jahr später behauptete Estes im „Milk Cow Blues“ dagegen, er brauche gar keinen Schnaps, um besoffen zu werden: „Now I went upstairs to pack my leaving trunk, I never saw no Whiskey, the blues done made me sloppy drunk.“

„(Bring me) water when I’m thirsty, bring me whiskey when I’m dry”, sang der Pianist Walter Davis 1935 vielleicht nicht als Erster, aber in einer unglaublich dynamischen Art und Weise (unterstützt von Big Joe Williams und Henry Townsend an zwei Gitarren:

https://www.youtube.com/watch?v=KdfLMxyFt1Q).

Es handelt sich bei ihm um Moonshine-Whiskey, wie er in einer anderen Strophe des Songs verrät, also jenem, der bei Mondschein, sprich schwarz gebrannt wird. Einerseits weil er billiger ist als der Whiskey aus dem Liquor Store, andererseits weil von 1920 bis 1933 in den USA eine generelle Prohibition in Kraft war – noch heute darf in vielen Landkreisen der Staaten Arkansas, Mississippi und Kentucky kein Alkohol verkauft werden. Man muss also zum „Moonshine Man“ gehen, den Peter Cleighton alias Doctor Clayton 1941 besang, allerdings nicht ohne die negativen Auswirkungen des Getränks zu erwähnen: „If you love your liquor, please look what a wreck I’m in, I drink anything from moonshine to Gordon’s gin.“ (Jener Dr. Clayton ist übrigens trotz seiner überschaubaren Menge an Aufnahmen einer der textlich und gesanglich interessantesten und einflussreichsten Bluesinterpreten, der z. B. von B.B. King sträflich bestohlen wurde.)

 

Sonny Boy Williamson Nr. 1 dagegen sang 1941 in einer der zahlreichen Versionen des „Sloppy Drunk Blues“ (https://www.youtube.com/watch?v=geTA3ux0j_c): “I love my moonshine whiskey, I tell the world I do. I drinks my whiskey, just to get along with you.”

 

Andererseits warnte Sonny Boy drei Jahre zuvor (https://www.youtube.com/watch?v=2CqqyuY1W5I): “Moonshine has harmed a-many men, that’s the reason why I believe I’ll make a change.” Er muss sich ändern, denn der Moonshine-Whiskey kann dazu führen, dass man dem Glücksspiel verfällt, den Polizisten mit einem Lieferanten verwechselt, sein Frau nicht mehr versteht und so ziemlich jeden anpflaumt, der einem begegnet.

 

Dann schon lieber das gute Zeug, obwohl Washboard Sam wusste, dass auch “Good Whiskey” zum Niedergang führen kann (https://www.youtube.com/watch?v=acwI5taEhOA): “I drinks good whiskey, good whiskey is all I crave, it looks like good whiskey gonna carry me to my grave. I don’t want no liquor that sells 4 – 5 cents a shot, just give me bottle in bond, ’cause it really hits the spot.”  Whiskey mit Qualitätssiegel schmeckt halt einfach besser.

 

Peetie Wheatstraw war 1935 jedenfalls froh, dass die Prohibition – zumindest als landesweites Gesetz – vorbei war (https://www.youtube.com/watch?v=3rda6KXgF50): “I’m so glad that good whiskey have come back again ... I’m so glad I don’t have to drink this hootch no more, because it killed my partner and had me on the killin’ floor. ... I’m so glad I don’t have to drink no more moonshine. Now I can drink my good whiskey and I ain’t afraid of dyin’.” Jetzt braucht er keine Angst mehr zu haben, dass der Fusel (hootch) ihn umbringt. Eine ganz reale Sorge, wenn man aus Mangel an Geld oder Gelegenheit noch nicht mal zum Moonshine greifen kann, sondern sich Alkohol aus anderen Quellen sucht. Weit verbreitet bei den Ärmsten der Armen war zur Zeit der Prohibition das Extrahieren des Alkohols aus Brennpaste, die unter dem Markennamen Sterno in Dosen als „Canned Heat“ verkauft wurde und von Tommy Johnson 1928 besungen wurde (https://www.youtube.com/watch?v=lGuoOyeUj-w): „Cryin‘ canned heat, canned heat mama, sure lord, killin‘ me; (it) take alcorub to take these canned heat blues.“ Man könnte das Thema mit Shoe Polish oder Jake (einem hochprozentigen Extrakt aus jamaikanischem Ingwer) weiterführen …

 

Eigentlich erstaunlich, aber je mehr Bluessongs zum Thema Whiskey ich mir anhöre, desto klarer wird, dass die Mehrzahl der Songs auch die negativen Auswirkungen erwähnt. Selbst ein so beschwingt daherkommender Song wie Memphis Slims „Whiskey And Gin Blues“ (https://www.youtube.com/watch?v=Zbkd2WHIIQg) warnt: „Whiskey make me stagger and stumble, fall down and scar my chin, I know you ain’t no good Mr. Whiskey, but I got to try you again.” Aber dennoch: “Good whiskey, good whiskey is all in the world I crave, I'm gonna drink good whiskey the rest of my doggone days.” Selbst im fortgeschrittenen Alter war eine Voraussetzung für Slims Auftritte, dass eine bestimmte Whiskeysorte verfügbar war. Wenn nicht, dann hieß es von ihm: „No whiskey, no show!“

 

Selbst jemand wie Amos Milburn, der 1953 mit „One Scotch, One Bourbon, One Beer“ einen der berühmtesten Trinksongs des Blues aufnahm, warnte vor „Bad Bad Whiskey“, durch den er sein glückliches Zuhause verlor (https://www.youtube.com/watch?v=rDPPvsErNQY). Später sang Milburn auch über „Good, Good Whiskey“ und „Vicious, Vicious Vodka, ohne allerdings an seine früheren Erfolge anknüpfen zu können.

 

In „Let Me Go Home Whiskey“ (https://www.youtube.com/watch?v=_HzcWqj55d8) schließlich will Milburn vom Hochprozentigen in Ruhe gelassen werden, hat ihm doch sein Baby befohlen, nicht mehr betrunken nach Hause zu kommen. Sein R&B-Kollege Wynonie Harris hatte schon 1945 einen Nr.-1-Hit mit „Who Threw The Whiskey In The Well“, allerdings war er da noch Angestellter im Orchester von Lucky Millinder.

 

1953 folgte dann sein „Quiet Whiskey“ (https://www.youtube.com/watch?v=F_lJMRb12Is), in dem er eine wilde alkoholgetränkte Fete beschrieb, mit dem Prolog und Refrain: „Whiskey, whiskey on the shelf, you looked so quiet there by yourself. Things were fine ’til they took you down, opened you up and passed you around.” Und auch Muddy Waters wusste: “Whiskey, you ain’t no good, I declare I’m through with you. You haven taken all my money, you have taken my baby, too.” (“Sittin’ Here Drinkin’”, 1948,https://www.youtube.com/watch?v=xXipUlC-4us)

Wenn Papa Lightfoot mit brachialem Drive, verzerrter Stimme und virtuoser Dampfhammer-Bluesharp sein “Wine, Women, Whiskey” (https://www.youtube.com/watch?v=2vc8PMs_s9M) schmettert, dann kann man es ihm kaum glauben, so voller Enthusiasmus singt er: „Wine, whiskey and women, gonna be the death of me. I’m rippin’ and I’m runnin’, but still in misery.” Letztendlich ist es wohl eine Frage der Menge – in Maßen genossen, schadet ein Schlückchen sicher nicht.

 

Es muss ja nicht gleich so kommen, wie in dem Zitat von Jelly Roll Morton aus dem Song „Didn’t He Ramble“ (https://www.youtube.com/watch?v=RDN5wjUBHq4), das auch Carl Sandburg in seinem Gedicht „The People, Yes“ von 1936 verarbeitet hat und seinen Ursprung in der Folklore von New Orleans hat:

 „Ashes to ashes, and dust to dust, if the women don't get you, the whiskey must.“

Copyright: Klaus "Mojo" Kilian, Musiker, Publizist, Übersetzer; Mitbegründer der "Matchbox Blues Band", des Duos "Downhome Percolators", Netzer/Kilian